Hämophilie
Hämophilie ist eine angeborene lebenslang erhöhte Blutungsneigung, die durch
eine Verminderung der Aktivität des Gerinnungsfaktor VIII (Hämophilie A) oder IX
(Hämophilie B) hervorgerufen wird.
Vererbung
Der Vererbungsmodus ist X- chromosomal rezessiv, so daß nur männliche
Individuen von der Erkrankung betroffen sind. Frauen können als Überträgerinnen
(Konduktorinnen) die Erkrankung auf ihre Nachkommen vererben.
Die Konduktorinnen sind Merkmalsträger des Defektes, es liegt aber nur sehr
selten eine erhöhte Blutungsneigung vor.
Schweregrad
Bei beiden Hämophiliearten wird eine Einteilung nach Schweregrad vorgenommen.
Der Schweregrad wird definiert durch die Restaktivität der Gerinnungsfaktoren
VIII oder IX, die lebenslang bei einem Hämophilen konstant erniedrigt
bleibt.
| Bezeichnung |
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Faktor VIII bzw. IX-Restaktivität (%) |
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| schwere Hämophilie |
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< 1 |
| mittelschwere Hämophilie |
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1-4 |
| leichte Hämophilie |
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5-24 |
| Sub-Hämophilie |
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25-50 |
Charakteristisch für schwere und mittelschwere Formen
ohne Therapie bzw. Prophylaxe sind ausgedehnte Haut- und Muskelblutungen, sowie
Gelenkblutungen, die zu Gelenk-, Muskel- oder Nervenschädigungen führen
können.
Leichte Formen werden durch verstärkte Nachblutungen bei Verletzungen oder
Operationen auffällig.
Therapie
Zur Therapie der Hämophilie A und B werden Konzentrate der Gerinnungsfaktoren
VIII oder IX angewendet. Diese Faktorenkonzentrate werden entweder aus
Blutplasma oder gentechnologisch hergestellt.
Bei der Hämophiliebehandlung ist eine ausführliche Beratung der
Eltern und Patienten besonders wichtig. Sie erfolgt am besten durch
einen spezialisierten Arzt oder in einem Hämophilie-Zentrum. Darüber hinaus gibt es auch
Selbsthilfegruppen, wo betroffene Patienten oder Eltern ihre Erfahrungen
untereinander austauschen können.
Bei schwerer Hämophilie empfiehlt sich oft eine Heimselbstbehandlung. Dazu
werden die Eltern bzw. der Patient selbst in der sterilen Vorbereitung des
Faktorenkonzentrates und der Injektionstechnik ausgebildet. Besonders wichtig
ist die Dokumentation der Heimbehandlung, in der Dosierungen, Chargennummern der
Konzentrate, Lokalisation von eventuell auftretenden Blutungen und andere
eventuell aufgetretene Nebenwirkungen festgehalten werden.
Hämophilie
A
Hämophilie A ist eine angeborene lebenslang erhöhte Blutungsneigung, die
durch eine Verminderung der Aktivität des Gerinnungsfaktors VIII hervorgerufen
wird.
Die Vererbung der Hämophilie A erfolgt über das X-Chromosom
(Geschlechtschromosom) und wirkt sich nur dann aus, wenn als zweites
Geschlechtschromosom kein normales X-Chromosom vorhanden ist . Da Mädchen 2
X-Chromosomen und Jungen ein X- und ein Y- Chromosom als Geschlechtschromosom
haben, sind in der Regel männliche Individuen von der Erkrankung betroffen. Auf
5.000-10.000 geborene Jungen kommt einer mit Hämophilie A.
Hämophilie B
Hämophilie B ist eine angeborene lebenslang erhöhte Blutungsneigung, die
durch eine Verminderung der Aktivität des Gerinnungsfaktors IX hervorgerufen
wird.
Die Vererbung der Hämophilie B erfolgt über das
X-Chromosom (Geschlechtschromosom) und wirkt sich nur dann aus, wenn als
zweites Geschlechtschromosom kein normales X-Chromosom vorhanden ist. Da Mädchen 2
X-Chromosomen und Jungen ein X- und ein Y-Chromosom als Geschlechtschromosomen
haben, sind in der Regel männliche Individuen von der Erkrankung betroffen. Sie
tritt wesentlich seltener auf als die Hämophilie A. Auf 50.000-65000 geborene
Jungen kommt einer mit Hämophilie B.
Das
von Willebrand-Syndrom
Das von Willebrand-Syndrom (vWS) ist die häufigste angeborene
Blutungsneigung.
Ca. 1% der Bevölkerung sind davon betroffen, wobei die Blutungsneigung
unterschiedlich stark ausgeprägt ist. Die schwere Form des vWS ist sehr selten
und betrifft 0,5-3% von 1 Million Menschen.
Erstmals beschrieben wurde das vWS 1926 durch Erik von Willebrand anhand
einer Bluterfamilie auf den zwischen Schweden und Finnland gelegenen
Aaland-Inseln. Zunächst wurde angenommen, daß diese Erkrankung mit der
Hämophilie A verwandt sei. In Zusammenarbeit mit dem Leipziger Hämostaseologen
Jürgens wurden später Unterschiede sowohl im Erbgang als auch im klinischen
Erscheinungsbild festgestellt.
Die Erbinformation des von Willebrand-Faktors (vWF) liegt auf dem Chromosom
12, also nicht wie bei den Hämophilien auf einem Geschlechtschromosom. Die
Synthese findet in den Endothelzellen und Megakaryozyten statt. Durch die
Bildung von Dimeren und deren weitere Zusammenlagerung entstehen sehr lange
Ketten mit mehr als 20 Primäreinheiten, die als Multimere bezeichnet werden. Da
jede Primäreinheit Bindungsstellen für subendotheliale Strukturen (Kollagen)
einerseits und Thrombozyten andererseits besitzt, ergibt sich durch den
Zusammenschluß zu den Multimeren ein Multiplikationseffekt für die Wirksamkeit
des vWF. Nur vWF in Form langer Ketten kann seine Wirkung voll entfalten.
Die Multimere werden zum Teil in den Endothelzellen gespeichert, aus denen
sie im Bedarfsfall freigesetzt werden. Die nicht gespeicherten Multimere werden
in das Plasma freigesetzt.
Funktion
Der vWF verbindet verletzte Gefäßwand und Thrombozyten sowie die Thrombozyten
untereinander. Weiterhin stabilisiert er den Faktor VIII, der ohne Bindung an
den von Willebrand-Faktor (vWF) im Plasma sehr schnell wieder abgebaut würde.
Der vWF ist kein Protein der plasmatischen Gerinnungsreihe.
Verursacht wird die Blutungsneigung durch einen quantitativen und/oder
qualitativen Defekt des von Willebrand-Faktors. Daraus ergibt sich auch die
Einteilung in drei Grundtypen des vWS. Bei Typ 1 sind alle Längen der Multimere
vorhanden, aber in verminderter Anzahl, bei Typ 2 fehlen die langkettigen
Multimeren und bei Typ 3 , der schwersten Form des vWS, fehlt der vWF
völlig.
Faktor VIII und vWF zirkulieren im Plasma als Komplex. Wird eine kritische
Menge des vWF unterschritten oder ist die Bindungsstelle für den Faktor VIII
defekt, so sinkt trotz normaler Synthese der Faktor VIII-Spiegel im Plasma.
Andererseits kann es ausreichen, den vWF zu normalisieren, um einen normalen
Spiegel auch an Faktor VIII zu erhalten. Da der vWF außerdem ein
Akutphaseprotein ist und damit kurzfristig (bei Streß) oder längerfristig
(Schwangerschaft, maligne Erkrankungen) erhöht sein kann, ist eine aufwendige
Differentialdiagnostik notwendig, um den genauen Typ des vWS festzustellen und
damit auch die Therapie festzulegen. Häufig sind mehrere Untersuchungen
notwendig, um die Verdachtsdiagnose zu erhärten oder auszuschließen.
Vererbung
Beim vWS ist hauptsächlich ein autosomal-dominanter Erbgang zu finden.
Lediglich die schwerste Form, der Typ 3, und einige seltene Fälle beim Typ 2
zeigen einen autosomal- rezessiven Erbgang. Diese Befunde zeigen, daß eine
Familienanamnese zur Abklärung einer Blutungsneigung sehr wichtig ist.
Klinik
Das klinische Bild des vWS ist abhängig vom Schweregrad des Defekts.
Auffallendstes Symptom, auch bei milden Formen des vWS, ist das Nasenbluten und
die Hämatomneigung. Es folgen nach der Häufigkeit übermäßig starke
Menstruationsblutungen und Schleimhautblutungen. Nach operativen Eingriffen
kommt es vor allem bei Operationen im HNO-Bereich, aber auch bei abdominalen
Eingriffen zu intra- und postoperativen Blutungen mit Transfusionsbedarf. Es
besteht also bei diesen Patienten eine starke Blutungsgefährdung, vor allem bei
Eingriffen im Schleimhautbereich, weshalb eine Behandlung vor keinem Eingriff
unterbleiben darf.
Die Patienten mit vWS Typ 3 haben eine sehr starke Blutungsneigung und leiden
zum Teil unter hämophilieartigen Blutungen. Zu den für Typ 1 und 2 typischen
Blutungen kommen sogar Gelenkblutungen hinzu. Häufig sind auch gastrointestinale
Blutungen. Operative Eingriffe können deshalb nur durchgeführt werden, wenn eine
Substitution mit einem Faktor VIII-Konzentrat mit einem möglichst hohen
Multimerenanteil an vWF erfolgt.
Therapie
Bei den meisten milden Formen des vWS kann man durch Injektion oder nasale
Gabe von DDAVP (Vasopressin-Analogon) den Plasmaspiegel des vWF kurzfristig
anheben. Kleinere Blutungen lassen sich damit stillen. Der Effekt der DDAVP-Gabe
läßt sich jedoch nicht beliebig oft wiederholen, da die Endothelspeicher erst
wieder aufgefüllt werden müssen.
Bei größeren oder länger anhaltenden Blutungen kann deshalb die Substitution
von vWF notwendig werden. Bei den schweren Formen des vWS bleibt die Gabe von
DDAVP wirkungslos, so daß bei Blutungen gleich der vWF substituiert werden muß.
Die Substitution des vWF erfolgt mit geeigneten FVIII-Konzentraten, die neben
dem FVIII auch ausreichende Mengen vWF mit hohem Gehalt an langkettigen
Multimeren enthalten.